ADHS und die verkorkste Scham
- Tino Mewes
- 11. März
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. März
Warum sich viele Menschen mit ADHS „falsch“ fühlen
und wie Selbstführung beginnt
Viele Menschen mit ADHS leiden nicht nur an ihren Symptomen.
Sie leiden an dem, was sie über sich selbst glauben.
Sie leiden unter dem, was sie über sich selbst denken.
Scham, Schuld und Selbstwert sind brennende Themen, über die im Zusammenhang mit ADHS erstaunlich wenig gesprochen wird, obwohl sie für viele Betroffene zu den schmerzhaftesten Erfahrungen gehören.
In diesem Artikel möchte ich erklären, warum sich Scham bei ADHS oft besonders tief anfühlen kann und welche Wege es gibt, aus diesem Kreislauf auszubrechen.
Ich bin Tino Mewes, Schauspieler, Sprecher und ADHS Coach.
Ich begleite Menschen mit ADHS dabei, ihr Nervensystem besser zu verstehen und Selbstführung statt Selbstverurteilung zu entwickeln.
Was ist ADHS eigentlich ?
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.
Der Name beschreibt allerdings vor allem die Symptome und nicht die eigentliche Ursache.
Im Kern handelt es sich um ein Nervensystem, das Aufmerksamkeit, Motivation und Impulse anders reguliert.
Neurowissenschaftliche Forschung zeigt:
• ADHS-Gehirne haben weniger verfügbares Dopamin und Noradrenalin
• Diese Neurotransmitter sind wichtig für Motivation, Aufmerksamkeit und Impulskontrolle
• Auch der präfrontale Cortex, der für Entscheidungen und Selbststeuerung zuständig ist, arbeitet anders
Der Psychiater Edward Hallowell beschreibt ADHS deshalb mit einer bekannten Metapher:
Das Gehirn einer Person mit ADHS hat die Kraft eines Ferrari-Motors, aber die Bremsen eines Fahrrads.
Die Herausforderung ist also nicht mangelnde Fähigkeit, sondern Regulation.
Warum ADHS oft zu Scham führt
Scham entsteht selten durch einen einzelnen Fehler.
Sie entsteht durch Wiederholung.
Viele Menschen mit ADHS kennen solche Situationen:
• zu spät kommen
• Dinge vergessen
• impulsiv reagieren
• sich etwas fest vornehmen und es trotzdem nicht umsetzen
Wenn sich solche Erfahrungen immer wiederholen,
verändert sich irgendwann die innere Frage.
Nicht mehr:
„Was ist da schiefgelaufen?“
Sondern:
„Was stimmt mit mir nicht?“
Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Schuld und Scham.
Schuld bedeutet:
Ich habe etwas falsch gemacht.
Scham bedeutet:
Ich bin falsch.
Genau dieser Übergang passiert bei vielen Menschen mit ADHS.
Der ADHS-Scham-Kreislauf
Viele Betroffene geraten in einen Kreislauf, der ungefähr so aussieht:
1. Ein Fehler passiert
2. Scham entsteht
3. Das Gefühl wird vermieden
4. Konflikte werden nicht geklärt
5. Chaos entsteht
6. Neue Scham entsteht
Dieser Prozess wiederholt sich oft über Jahre.
Mit der Zeit wird aus Kritik von außen ein innerer Dialog der Selbstverurteilung.
Viele Menschen mit ADHS haben dabei keineswegs ein schwaches Gewissen.
Im Gegenteil:
Sie spüren sehr genau, wenn sie jemanden enttäuscht haben.
Sie schämen sich schnell.
Und sie grübeln lange.
5 Wege aus der Schamspirale bei ADHS
1. Verhalten von Identität trennen
Ein zentraler Satz:
Du bist nicht dein ADHS.
Du bist nicht dein Symptom.
Und du bist nicht dein schlimmster Moment.
Ein hilfreicher Sprachwechsel ist zum Beispiel:
Nicht:
„Ich bin ein Versager.“
Sondern:
„Ich habe mich in dieser Situation nicht gut geführt.“
Das ist keine Schönfärberei, sondern Präzision.
2. Scham in Information verwandeln
Scham fühlt sich überwältigend an.
Aber sie kann auch ein Hinweis sein.
Eine hilfreiche Frage lautet:
Wofür genau schäme ich mich?
Geht es um Schuld – also Verhalten?
Dann kannst du reparieren.
Oder ist es bereits Selbstabwertung?
Dann brauchst du Mitgefühl statt Selbstangriff.
3. Selbstmitgefühl
Studien zeigen, dass geringes Selbstmitgefühl bei Erwachsenen mit ADHS mit schlechterer psychischer Gesundheit zusammenhängt.
Selbstmitgefühl bedeutet nicht:
„Alles ist okay.“
Es bedeutet:
„Ich bin ein Mensch – und Menschen sind fehlbar.“
4. Weniger Grübeln, mehr Reparatur
Viele Menschen mit ADHS verbringen enorme Energie im Nachhinein.
Sie denken Situationen immer wieder durch.
Doch Grübeln verändert selten etwas.
Eine bessere Frage lautet:
Was ist der kleinste reparierende Schritt?
Zum Beispiel:
• eine Nachricht schreiben
• sich entschuldigen
• eine Struktur verändern
• eine neue Regel setzen
5. Scham nicht alleine tragen
Scham liebt Isolation.
Sie sagt:
„Erzähl das niemandem.“
Doch Verbindung ist eines der stärksten Gegenmittel.
Scham wird kleiner, wenn sie in Sprache kommt –
mit der richtigen Person.
Selbstführung statt Selbstverurteilung
Viele Menschen mit ADHS haben gelernt, sich nur aus der Perspektive ihrer Defizite zu betrachten.
Doch dieser Blick ist oft geprägt von Menschen, die ADHS nie wirklich verstanden haben.
Scham ist deshalb häufig nicht die Wahrheit über dich.
Sie ist ein Platzhalter.
Ein Mechanismus, der einmal geholfen hat zu überleben.
Und irgendwann kommt der Moment, ihn einzutauschen in etwas Neues:
Selbstführung.
Nicht Perfektion.
Nicht Kontrolle.
Sondern ein tieferes Verständnis dafür, wie dein Nervensystem funktioniert und wie du lernen kannst, es bewusst zu führen.
Über den Autor

Tino Mewes ist Schauspieler, Sprecher und ADHS Coach.
Unter dem Namen ADHS Sensei begleitet er Menschen mit ADHS dabei, mehr Klarheit, Regulation und Selbstführung zu entwickeln.
Mehr Gedanken, Tools und Reframes findest du auch auf Instagram https://www.instagram.com/tino_mewes
Höre Dir die passende Podcast-Folge zu diesem Blog an.
TINO MEWES "ADHS Sensei" Der Podcast Folge 1 "ADHS und die verkorkste Scham"


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