ADHS und das Gedankenkarussell
- Tino Mewes
- 25. März
- 4 Min. Lesezeit
Warum dein Gehirn abschweift und wie du lernen kannst, es zu führen
Viele Menschen mit ADHS kennen dieses Gefühl:
Du willst dich konzentrieren. Du weißt sogar genau, was zu tun wäre.
Und trotzdem driftet dein Kopf ab.
Gedanken springen von einem Thema zum nächsten.
Du liest eine Seite in einem Buch aber weißt danach nicht mehr, was darin stand.
Du bist in einem Gespräch und plötzlich unterbrichst Du die andere Person und sprudelst mit deinen eigenen Gedanke los.
Viele Menschen interpretieren das als persönliches Versagen.
Doch das Problem ist oft nicht mangelnde Motivation oder Disziplin.
Es ist etwas anderes:
Es ist die Art, wie zwei bestimmte Netzwerke in deinem Gehirn arbeiten.
Ich bin Tino Mewes, Schauspieler, Sprecher und ADHS Coach.
Als ADHS Sensei begleite ich Menschen mit ADHS dabei, ihr Nervensystem besser zu verstehen und mehr Selbstführung zu entwickeln.
In diesem Artikel möchte ich erklären, was hinter dem berühmten „Gedankenkarussell“ steckt und wie du lernen kannst, damit bewusster umzugehen.
Unser Gehirn arbeitet mit verschiedenen Netzwerken,
die unterschiedliche Aufgaben übernehmen.
Für Aufmerksamkeit sind besonders zwei davon wichtig:
Das Task Positive Network (TPN)
Das sogenannte Task Positive Network ist aktiv,
wenn du dich auf eine Aufgabe konzentrierst.
Es unterstützt zum Beispiel:
• fokussierte Aufmerksamkeit
• Problemlösen
• Planung
• Entscheidungsfindung
• zielgerichtetes Verhalten
Dieses Netzwerk ist eng mit dem präfrontalen Cortex verbunden, der Region im Gehirn, die für Selbststeuerung und bewusste Aufmerksamkeit zuständig ist.
Wenn das TPN aktiv ist, kannst du:
• konzentriert arbeiten
• einen Text schreiben
• ein Gespräch aufmerksam führen
• etwas planen und umsetzen
Das Default Mode Network (DMN)
Das zweite wichtige Netzwerk ist das Default Mode Network.
Es wird aktiv, wenn dein Gehirn gerade nicht auf eine konkrete Aufgabe fokussiert ist.
Typische DMN-Aktivitäten sind:
• Tagträumen
• Erinnerungen
• Selbstreflexion
• Zukunftsdenken
• Grübeln
• Rumination
Viele Menschen erleben dieses Netzwerk als eine Art „Gedankenkarussell“.
Doch wichtig ist:
Das DMN ist nicht dein Feind.
Es ist ein zentraler Teil deiner mentalen Fähigkeiten.
Es spielt eine wichtige Rolle für:
• Kreativität
• Selbstverständnis
• Empathie
• autobiografisches Gedächtnis
Wie diese Netzwerke normalerweise zusammenarbeiten
Bei neurotypischen Menschen wechseln sich TPN und DMN meist relativ stabil ab.
Wenn eine Aufgabe beginnt:
Das TPN wird aktivDas DMN wird heruntergefahren
Wenn die Aufgabe endet:
Das DMN wird wieder aktivDas TPN fährt herunter
Man kann sich das wie einen Schalter vorstellen.
Die Netzwerke unterdrücken sich gegenseitig.
Was bei ADHS oft anders funktioniert
Forschung zeigt, dass dieser Wechsel bei ADHS weniger stabil ist.
Das Default Mode Network bleibt oft teilweise aktiv, obwohl das Task Positive Network eigentlich arbeiten sollte.
Forscher sprechen hier von „DMN Intrusion“.
Das bedeutet:
Das Default Mode Network funkt in eine Aufgabe hinein.
Das kann zu typischen ADHS-Erlebnissen führen:
• du willst arbeiten – und deine Gedanken wandern
• du liest – und dein Kopf driftet weg
• du bist im Gespräch – und unterbrichst plötzlich mit einem neuen Gedanken
• du beginnst eine Aufgabe – und scrollst plötzlich durch Instagram
Das bedeutet nicht, dass du faul bist.
Und auch nicht, dass du keine Motivation hast.
Die Herausforderung liegt oft eher in der Koordination dieser Netzwerke.
Warum das so erschöpfend sein kann
Viele Menschen mit ADHS kämpfen nicht nur mit einer Aufgabe.
Sie kämpfen gleichzeitig mit ihrem eigenen Kopf.
Dieser innere Kampf erzeugt häufig zusätzliche Gedanken:
„Ich sollte das doch hinkriegen.“
„Andere schaffen das doch auch.“
„Was stimmt mit mir nicht?“
Und genau hier beginnt ein weiterer Kreislauf:
Gedanken → Selbstkritik → Grübeln → noch mehr Gedanken.
Diese Dynamik ist oft das, was wirklich erschöpft.
5 Strategien, um dein ADHS-Nervensystem zu unterstützen
Der entscheidende Punkt ist:
Auch wenn dein Gehirn anders arbeitet,
kannst du lernen, damit bewusster umzugehen.
Hier sind fünf Strategien, die vielen Menschen mit ADHS helfen.
1. Bewusste Übergänge schaffen
ADHS-Gehirne reagieren oft gut auf klare Startsignale.
Beispiele können sein:
• einen Timer starten
• den Arbeitsplatz bewusst wechseln
• einen kurzen Countdown („3-2-1 Start“)
• eine kleine Bewegung
Diese Übergänge signalisieren deinem Gehirn:
Jetzt beginnt eine Aufgabe.
2. Das DMN bewusst nutzen
Statt gegen dein Gedankenkarussell zu kämpfen,
kann es helfen, ihm bewusst Raum zu geben.
Zum Beispiel durch:
• einen Spaziergang
• eine Dusche
• Gedanken aufschreiben
Eine einfache Methode ist auch ein kurzes 5-Minuten-Still-Sitzen.
Kling furchtbar, ist aber super effektiv. Du setzt dich bequem hin, stellst einen Timer und lässt deine Gedanken einfach kommen und gehen, während Du versuchst wirklich keine Körperliche Regung zuzulassen. Das ist keine Meditation. Das Ziel hier ist nicht, Gedanken zu stoppen, sondern deinem DMN Raum zu geben. Dadurch entsteht Klarheit.
3. Stimulation vor Fokus
Das TPN startet bei vielen Menschen mit ADHS leichter,
wenn vorher ein kleiner Stimulus stattfindet.
Das kann sein:
• Bewegung
• Musik
• kaltes Wasser
• Kaugummi
Diese kleinen Impulse aktivieren das System.
4. Fokusfenster statt Dauerfokus
Viele ADHS-Gehirne arbeiten besser in kurzen Fokuswellen.
Zum Beispiel:
• 10 Minuten Fokus
• 20 Minuten Fokus
• 45 Minuten Fokus
Statt zu versuchen, drei Stunden am Stück konzentriert zu bleiben.
Timer können dabei sehr hilfreich sein.
5. Aufmerksamkeit externalisieren
ADHS-Gehirne profitieren oft von äußeren Signalen.
Hilfreich können sein:
• ein Whiteboard
• sichtbare Timer
• Post-its
• Body-Doubling
• laut ausgesprochenes Denken
Diese Signale stabilisieren Aufmerksamkeit.
Selbstführung statt Selbstverurteilung
Manchmal greift bei ADHS der „Autopilot“ ins Steuer,
während du eigentlich bewusst handeln möchtest.
Doch die Lösung ist nicht, diesen Autopiloten zu bekämpfen.
Die Lösung ist zu lernen,
wann welcher „Pilot“ gerade aktiv ist und wie du die Führung übernehmen kannst.
Selbstführung bedeutet dabei nicht Perfektion.
Sondern ein besseres Verständnis dafür,
wie dein Nervensystem funktioniertund wie du lernen kannst,
damit zu arbeiten statt dagegen.

Über den Autor
Tino Mewes ist Schauspieler, Sprecher und ADHS Coach.
Unter dem Namen ADHS Sensei begleitet er Menschen mit ADHS dabei, mehr Klarheit, Regulation und Selbstführung zu entwickeln. Mehr Gedanken, Tools und Reframes findest du auch auf Instagram: https://www.instagram.com/tino_mewes


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